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Busch-Blog

Von und über Wilhelm Busch

Dieser Blog ist dem niedersächsischen Dichter, Künstler, Erfinder der Graphic Novel und Weltweisen Wilhelm Busch gewidmet. Im Laufe der Zeit werde ich an dieser Stelle Texte aus verschiedenen seiner Werke, aber auch eigene Überlegungen zu Busch veröffentlichen.

Mittwoch, 23. August 2017
Philosophisches aus Wolfenbüttel

Wolfenbüttel, 25. Mai 75.
Liebe Frau Anderson!
Gewißheit giebt allein die Mathematik. Aber leider streift sie nur den Oberrock der Dinge. Wer je ein gründliches Erstaunen über die Welt empfunden, will mehr. Er philosophirt - und was er auch sagen mag - er glaubt. - In meinem elften Jahr verblüffte mich der Widerspruch zwischen der Allwissenheit Gottes und dem freien Willen des Menschen; mit 15 Jahren zweifelte ich am ganzen Katechismus. Seit ich Kant in die Hände kriegte, scheint mir die Idealität von Zeit und Raum ein unwiderstehliches Axiom. Ich sehe die Glieder der Kette in Eins: Kinder, Eltern, Völker, Thiere, Pflanzen und Steine. Und Alle seh ich sie von einer Kraft erfüllt.
Sind Berge, Wellen, Lüfte nicht ein Stück von mir? etc.
Drum gefällt mir Byron so sehr. Wie könnte uns auch das Zeug nur so bedeutungsvoll erscheinen, wenn alles nicht aus einer Wurzel wüchse? Die ist, was Schopenhauer den Willen nennt: der allgegenwärtige Drang zum Leben; überall derselbe, der einzige; im Himmel und auf Erden: in Felsen, Wasser, Sternen, Schweinen, wie in unserer Brust. Er schafft und füllt und drängt, was ist. Im Oberstübchen sitzt der Intellekt und schaut dem Treiben zu. Er sagt zum Willen: ,,Alter! laß das sein! Es giebt Verdruß!" Aber er hört nicht. Enttäuschung; kurze Lust und lange Sorge; Alter, Krankheit, Tod, sie machen ihn nicht mürbe; er macht so fort. Und treibt er ihn auch tausend Mal aus seiner Haut, er findet eine neue, die's büßen muß. - Und dieser Wille, das bin ich. Ich bin mein Vater, meine Mutter, ich bin Sie und Alles. Darum giebt es Mitleid, darum giebt's Gerechtigkeit.
Natur und Lehre sind verschieden, Natur ist stärker als die Lehre - sagen Sie. Natürlich und gewiß! Der Wille ist der Starke, Böse, Wirkungsvolle, Erste; der Intellekt ist No. 2. - Nichtwollen, Ruhe wär' das Beste. - Wie soll das kommen? - Da steckt's Mysterium.
Bin ich nun deutlich? - Seien Sie gut und brav und liebenswürdig und sagen Sie: Jawohl!

Samstag, 12. August 2017
Das Blut

Wie ein Kranker, den das Fieber
Heiß gemacht und aufgeregt,
Sich herüber und hinüber
Auf die andre Seite legt -

So die Welt. Vor Hass und Hader
Hat sie niemals noch geruht.
Immerfort durch jede Ader
Tobt das alte Sünderblut.

Dienstag, 1. August 2017
Sie mögen gern Tiere leiden; ich auch

Wolfenbüttel, den 27. Mai 75.
Sie mögen gern Tiere leiden; ich auch. - Des Morgens um halb sechs werden die Hühner gefüttert und der schlanke Pfau mit dem Krönchen auf und dem Gefieder von Gold und Edelstein. Das ist der Vornehmste. Er pickt nur wenige Körner; dann geht's trrrrr! und ein Fächer von tausend Liebesaugen flimmert in der Morgensonne. Das zittert und trippelt und macht mit den Flügeln! Aber die alten Hühnertanten kucken nicht hin, sondern hacken mit ihren harten, knöcheren Nasen im Sande weiter. Es muß wohl ein verwunschener Prinz oder ein metamorphosierter Olympier sein; denn wenn die Frau Brückner, das kleine Waschweibchen, auf den Hof kommt, so fliegt er auf ihren Rücken und faßt sie ganz ordentlich und regelrecht beim Zopfe an. Wenn sie nur nicht nächstens das Eierlegen anfängt. Wenigstens schnattern und gackern tut diese Madam Leda genug.

Mein Bruder hat eine Küche gebaut; eine zeitlang waren keine Fenster drin. Ein Rotstärtchen - es singt immer zick zackzackzack! - und bibbert dabei mit dem Schwanz - war heimlich aus- und eingeflogen und hatte sich auf einem Balken mit vieler Geduld ein weiches Nest gebaut von manchem Halm und mancher Feder. Nun kommt der böse Glasermeister und macht alles fest zu. Das giebt ein trauriges Gezwitscher in den Bäumen da draußen.

Neulich pusselt Nachbar Mumme mit dem Spaten in seinem Garten herum, dicht bei den Stachelbeerbüschen. Auf einmal springt ein fremder Hund heraus und knurrt und will nicht weg und zeigt die Zähne. "Der Hund ist toll", so heißt es gleich. Man holt die Flinte - bum! - Die Kugel geht dem Hunde durch den Kopf, er streckt sich aus und stirbt. -- Wie man genauer zusieht, liegen drei ganz kleine neugeborne Hündchen im Gebüsch.

Ach, meine liebe Frau Anderson! Es regnet und regnet und regnet und hat nur sieben Grad plus.

Mit tausend Grüßen

Ihr W. Busch.

Sonntag, 23. Juli 2017
An Modellen fehlt es mir nicht

An Erich Bachmann

Wolfenbüttel 1 Mai. 75.

Mein lieber Erich!

Ich will Dir wenigstens durch ein paar Worte mittheilen, daß ich noch hier bin und auch noch einige Wochen bleiben werde. Ich habe mir so eine Art von Gartenhaus gebaut mit Nordlicht, so daß ich drin malen kann. An Modellen fehlt es mir nicht, weil auf meines Bruders Hofe allerlei Leute zu thun haben, die ich nur herein zu rufen brauche. – Der Frühling will noch immer nicht recht kommen. Es fehlt an Regen; drum ist von Grün nur wenig zu sehen. Aber meine Schwägerin hat wenigstens heute Morgen die ersten zwei Spargel gestochen. – Daß Du Dich in Bovenden recht nach deiner Familie sehnst, kann ich mir denken; das Geld, was du verdienst, ist aber doch nicht zu verachten.

Grüße mir Alle recht herzlich und sei selbst gegrüßt von

Deinem getr. Freunde Wilhelm B.

Sonntag, 16. Juli 2017
Wassermuhmen

In dem See die Wassermuhmen
Wollen ihr Vergnügen haben,
Fangen Mädchen sich und Knaben,
Machen Frösche draus und Blumen.

Wie die Blümlein zierlich knicksen,
Wie die Fröschlein zärtlich quacken,
Wie sie flüstern, wie sie schnacken,
So was freut die alten Nixen.

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