Startseite | Datenschutz | Impressum

Busch-Blog

Von und über Wilhelm Busch

Dieser Blog ist dem niedersächsischen Dichter, Künstler, Erfinder der Graphic Novel und Weltweisen Wilhelm Busch gewidmet. Im Laufe der Zeit werde ich an dieser Stelle Texte aus verschiedenen seiner Werke, aber auch eigene Überlegungen zu Busch veröffentlichen.

Mittwoch, 17. Mai 2017
Politisches

Ein dicker Sack - den Bauer Bolte,
Der ihn zur Mühle tragen wollte,
Um auszuruhn, mal hingestellt
Dicht bei ein reifes Ährenfeld -
Legt sich in würdevolle Falten
Und fängt 'ne Rede an zu halten.
"Ich", sprach er, "bin der volle Sack.
Ihr Ähren seid nur dünnes Pack.
Ich bin's, der euch auf dieser Welt
In Einigkeit zusammenhält.
Ich bin's, der hoch vonnöten ist,
Daß euch das Federvieh nicht frißt;
Ich, dessen hohe Fassungskraft
Euch schließlich in die Mühle schafft.
Verneigt euch tief, denn ich bin der!
Was wäret ihr, wenn ich nicht wär'?"
Sanft rauschen die Ähren:
"Du wärst ein leerer Schlauch,
Wenn wir nicht wären."

Sonntag, 7. Mai 2017
Sei mir gegrüßt, du lieber Mai

Sei mir gegrüßt, du lieber Mai,
mit Laub und Blüten mancherlei!
Seid mir gegrüßt, ihr lieben Bienen,
vom Morgensonnenstrahl beschienen!
Wie fliegt ihr munter ein und aus
in Imker Dralles Bienenhaus
und seid zu dieser Morgenzeit
so früh schon voller Tätigkeit.
Für Diebe ist hier nichts zu machen,
denn vor dem Tore stehn die Wachen.
Und all´ die wacker´n Handwerksleute
die hauen, messen stillvergnügt,
bis dass die Seite sich zur Seite
schön sechsgeeckt zusammenfügt.
Schau! Bienenlieschen in der Frühe
bringt Staub und Kehricht vor die Tür;
Ja! Reinlichkeit macht viele Mühe,
doch später macht sie auch Pläsier.

Mittwoch, 26. April 2017
Brief an Hermann Levi

Wiedensahl 13. Dec. 1880.

Lieber Levi!

Der kalte Winterwind bläst den Regen durch die sausenden Bäume. Noch immer geh ich rauchend, den Schopenhauer in der einen, den Darwin in der anderen Tasche, den Strom entlang auf dem muthmaßlichen Wege an's Meer, wo vielleicht das Schiff liegt, welches, wie man sagt, nach den seeligen Inseln segelt. "Die Heiligen sind schon dort", sagt Schopenhauer. Da aber der Wille untheilbar ist, so hätten sie mich nothgedrungen mitnehmen müßen, und ich wäre schon "dort, wo ich nicht bin". Darwin sagt: "Es giebt eine Entwicklung". Nehmen wir an von minus X über Null zu plus X. Dann säße der Mensch auf No 0, während der Affe etwa auf – 1 herumkletterte. Der Fortschritt von – 1 bis 0 ist ersichtlich: die Erkenntniß, daß diese Welt ein Irrthum, dämmert auf. Wir reden bereits von Tod und Erlösung recht hübsch und erbaulich; dann gehn wir in's Wirthshaus, in's Theater, zum Liebchen, oder bleiben als gute Hausväter daheim und kosen mit unseren Weibern. Unsern Fleischbedarf liefert der Metzger. Wir machen auch Gesetze, gründen Kirchen, Eisenbahnen, Kranken-, Waisenhäuser und mehr dergleichen. – Gut! – Inzwischen stirbt Alles dahin, was auf Null gewesen und wird von + 1 absorbirt, wo es, im Lichte neuer Intellecte, als sein eigener Erbe, den alten gemischten Nachlaß sofort wieder antritt. Es gab einen Fortschritt bis Null. Als gute Optimisten hoffen wir natürlich, daß es so weiter geht. Die Kraft der Tiefe: der Drang zum Variiren, thun auch ihr Theil. – Kurz, + 1 ist gescheidter und beßer als 0. – Vorwärts. – Hier ist bereits + 10000000. Viel Kopf, wenig Leib. Keine Eckzähne, keine Knöpfe mehr in den Ohrmuscheln. Nahrung: Gemüse. Vermehrung: wie bisher. Der dicke Kopf kann den dünnen Leib noch immer nicht zur Raison bringen. – Weiter! – Plus zehn Milliarden. Nahrung: Luft. Vermehrung: durch phlegmatische Knospenbildung. Der Mensch von No 0 ist längst verschollen. – Schluß! – + X. Fast nur Kopf. Kaum etwas Wille. Vermehrung: keine. Die Intellecte, blasig herum schwebend, durchschauen Alles gründlich. Das Bischen Wille verneint sich leicht, und Alles verklingt, wie wir Musiker zu sagen pflegen, in einem versöhnlichem Accorde. – Wehe, wehe! – Wer jemals das Auge der energischen Bestialität hat blitzen sehn, den beschleicht eine grauenvolle Ahnung, daß ein einziger sonderbarer Halunke auf dem Uranus die Erlösung aufhalten, daß ein einziger Teufel stärker sein könnte, als ein ganzer Himmel voll Heiliger. Haben die Christen recht? Kommen die Unverbeßerlichen am Schluß in die Hölle? Kann der Einzelne eine Anleihe machen im Betrag seines Antheils an der gemeinsam contrahirten Schuld, das Geld auf den Tisch legen und sagen: Adieu, auf Nimmerwiedersehn?!

Drüben, am andern Ufer des Stroms, steht der heilige Augustinus. Er nickt mir ernsthaft zu: Hier liegt das Boot des Glaubens; Gnade ist Fährmann; wer dringend ruft, wird herüber geholt. – Aber ich kann nicht rufen; meine Seele ist heiser; ich habe eine philosophische Erkältung.

Und Du, lieber Freund? Du inhalirtest, als ich Dich verließ. Hoffentlich hat's geholfen.

Unsern guten Freundinnen in der Hildegardstraße und auch an Frau Cosima, wenn du ihr schreibst, meine ergebensten Grüße!

Dein

Wilh. Busch.

Sonntag, 23. April 2017
Fürsorge

Was ist die alte Mamsell Schmöle
Für eine liebe treue Seele!

Sie spricht zu ihrer Dienerin:
"Ach, Rieke, geh Sie da nicht hin!
Was will Sie da im Goldnen Löben
Heut abend auf und nieder schweben?
Denn wedelt nicht bei Spiel und Tanz
Der Teufel fröhlich mit dem Schwanz?
Und überhaupt, was ist es nütz?
Sie quält sich ab. Sie kommt in Schwitz,
Sie geht hinaus, erkältet sich
Und hustet dann ganz fürchterlich.
Drum bleibe Sie bei mir nur lieber!
Und, Rieke, geh Sie mal hinüber
Und hole Sie von Kaufmann Fräse
Ein Viertel guten Schweizer Käse,
Und sei Sie aber jajaja
Gleich zur Minute wieder da!"

So ist die gute Mamsell Schmöle
Besorgt für Riekens Heil der Seele.
Ja später noch, in stiller Nacht,
Ist sie auf diesen Zweck bedacht
Und schleicht an Riekens Kammertür
Und schaut, ob auch die Rieke hier
Und ob sie auch in Frieden ruht
Und daß ihr ja nicht wer was tut,
Was sich nun einmal nicht gehört,
Was gottlos und beneidenswert.

Mittwoch, 5. April 2017
Spatz und Schwalben



Es grünte allenthalben.
Der Frühling wurde wach.
Bald flogen auch die Schwalben
Hell zwitschernd um das Dach.

Sie sangen unermüdlich
Und bauten außerdem
Am Giebel rund und niedlich
Ihr Nest aus feuchtem Lehm.

Und als sie eine Woche
Sich redlich abgequält,
Hat nur am Eingangsloche
Ein Stückchen noch gefehlt.

Da nahm der Spatz, der Schlingel,
Die Wohnung in Besitz.
Jetzt hängt ein Strohgeklüngel
Hervor aus ihrem Schlitz.

Nicht schön ist dies Gebahren
Und wenig ehrenwert
Von einem, der seit Jahren
Mit Menschen viel verkehrt.

Ältere Beiträge

Anmelden

  Alle Inhalte Copyright: Dr. Georg Ruppelt - freier Autor und Leitender Bibliotheksdirektor a. D.